history


Wichtige visuelle Errungenschaften der osteuropäischen Avantgarde sind ins Vokabular von Malerei, Skulptur, Design, Film, Typografie, Fotografie und Architektur geflossen, doch hat man im Zeitalter des Kalten Kriegs deren Ursprung systematisch verleugnet. Malevic, Kandinsky, Brancusi, Tristan Tzara, Daniel Spoerri oder Elias Canetti bekamen Anerkennung für ihre Werke, aber ihre Leistungen wurden nur partiell aufgenommen und weiterentwickelt. Deren Ursprung, nämlich Osteuropa mit seiner Geschichte und den sozialen Bedingungen, wurde verschwiegen, stand doch eine Mauer dazwischen. Dabei war die Bedeutung der ursprünglichen Quelle für die erwähnten Künstler offensichtlich, sie verarbeiteten heimische Symbole genauso, wie es die amerikanischen Pop-Art Künstler mit Idolen der westlichen Massenmedien und der Massenkultur machten.


Die Künstlergeneration von Glasnost und Perestroika hatte beide Seiten der Mauer gesehen. Sie konnte keine Kunst liefern, die den westlichen Mustern entsprach, da deren Konsum- und Kulturindustrie im eigenen Land zu stark ideologisiert wurde. Auf die eigene frühe Avantgarde wollte sie nicht zurückgreifen, weil sie damit nichts produziert hätte, was sich auf die gegenwärtige Lage bezog. Ohne den Verlockungen des Westens zu erliegen, mussten sich die Künstler des Ostens wieder mit den traditionellen kulturellen Quellen ihrer Länder verbinden, mit den historischen Erfahrungen und der formalen Sprache des sozialistischen Realismus. Da sie dafür weder von der einen noch von der anderen Seite Zuspruch erhielten, löschten sie das bereits bekannte Vokabular von Kunst und Kultur und schufen eine eigene, neue Utopie.

Alle Exponenten von Russian Contemporary Art, ebenso wie die Künstler der Sowjetzeit bis zurück zu den Malern der Avantgarde, haben die Gemeinsamkeit, dass sie sich nie von ihren russischen Wurzeln distanziert haben, selbst wenn sie dem Staat und dem Sozialismus gegenüber kritisch eingestellt waren. Auch in der Zeit der Sowjetunion gab es nicht DIE sowjetische Kunst, da Partei und Staat keine kulturelle Identität stiften konnten und sie die offiziellen ästhetischen Wertvorstellungen den Künstlern meist willkürlich aufzwangen.

Deshalb wurden in der Aera Gorbatschow und noch stärker unter Jelzin grosse Anstrengungen unternommen, eine staatliche Identität zu stiften. Dies führte zu einem verstärkten Nationalismus und Nostalgiegefühlen bezüglich der untergegangenen Weltmacht Sowjetunion. Die Künstler durchlebten dabei wie schon in der Vergangenheit das Dilemma, einerseits dem gesamteuropäischen Kontext genügen zu wollen, ohne dabei andererseits die nationale Identität und Akzeptanz zu verlieren.

Noch in den späten 80er-Jahren waren die jungen, ehemals im Untergrund agierenden Künstler triumphierend ins Ausland gereist, um unter dem Label Gorby Art auf der Welle der Popularität zu reiten. Warhol, Cage, Nam Jun Paik oder Rauschenberg waren neugierig darauf, diese exotischen, unangepassten Russen kennenzulernen. Sie kamen reich und berühmt von ihren Reisen zurück, im Gepäck einen neuen Lebensstil, welcher mit der Club- und Ravekultur eine Tanzepidemie in den Grossstädten Russlands auslöste.

Doch schon bald wandten sich viele Künstler von ihren frühen Exzessen ab und begannen, die „hässlichen“ Modernisten zu parodieren oder sie wurden Hare Krishnas und orthodoxe Priester. Es zeigte sich, dass die frühere Aufmerksamkeit des KGB ein zwar bedrohliches aber dennoch wichtiges Element im Rahmen ihres Strebens nach Unabhängigkeit gewesen war, das nun wegfiel und ein Vakuum hinterliess. Die revolutionäre künstlerische Phase dauerte in St. Petersburg von 1986 bis 1996, dann folgte eine neue, offizielle Ideologie der Gier. Diejenigen Künstler, welche die harten Auseinandersetzungen und Umwälzungen nicht verkrafteten, nahmen sich, ähnlich wie Künstler der Deutschen Romantik, das Leben oder starben früh an anderen unnatürlichen Ursachen. Sie, die dem Druck des totalitären Regimes der Sowjetunion widerstanden hatten, zerbrachen unter den neuen Konditionen.

Auch nach Perestroika landeten die russischen zeitgenössischen Künstler wieder in einer gesellschaftlichen Isolation, die nur dadurch verdeckt wurde, dass sie in einem internationalen Kunstmarkt ab und zu auftreten konnten. Als das neue Jahrtausend begann, zogen sich ehemalige Partygänger und Szenegurus vom „Freien Markt“ zurück, für den sie ursprünglich gekämpft hatten. Die Konsumgesellschaft beziehungsweise die bereitwillige Übernahme dieses Verhaltens in Osteuropa wurde das Objekt ihrer Ironie. Scheint die aktuelle Kunst Russlands heute weder ideologisch noch wirtschaftlich oder historisch eine Identität gefunden zu haben, so macht sie gerade dieser Aspekt auch interessant. Raphael B. Locher

 

Quellen und weitere Informationen zur Geschichte von Russian Contemporary Art:ArtChronika, Special Issues Nr. 19-21, Herausgeber Shalva Breus, Moskau, Verlag Artchronika 2008/2009.

Borovsky, Dr. Alexander, The State Russian Museum, The Department of Contemporary Art 1991-2001, History, Collections, Exhibitions, St. Petersburg, Palace Editions 2004.

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«Kabinet»//KABINET, An Anthology, INAPRESS, Saint Petersburg. The Stedelijk Museum Amsterdam, 1997.

Khlobustyn, Andrej, The Russian Schizorevolution. Marres, Centrum voor Contemporaine Cultuur, Maastricht 2009.

Matvejeva Anna, Die frohe Kunst der Enttäuschung, in Davai!, Russian Art Now, Berliner Festspiele, Hatje Cantz Publishers 2001.

Raev, Ada und Wünsche, Isabel, Kursschwankungen, Russische Kunst im Wertsystem der europäischen Moderne, Berlin, Lukas Verlag 2007.

Riese, Hans-Peter, Von der Avantgarde in den Untergrund, Texte zur Russischen Kunst 1968-2006 Köln, Wienand Verlag 2009.

Weibel, Peter, Der Kalte Krieg und die Kunst, in: Zurück aus der Zukunft, Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des Postkommunismus, Frankfurt am Main, Edition Suhrkamp 2005.
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